Der Klarinettenbauer Louis Kolbe. Altenburg und der Klarinetten- Sänger Heinrich Geuser:

In diesem Abschnitt kombiniere ich Konzerteindrücke mit Geuser, seine Schalplatten- Produktionen und meine 40ig jährige Erfahrung mit Kolbe-Klarinetten, die mir Geuser im Studium verkaufte.

Tondokumente auf Kolbe- Klarinetten in originaler tiefer Stimmung a'= 440: Geuser hat richtungweisende Interpretationen der Quintette mit Streichquartett hinterlassen:

Mozart. Weber, Brahms und Reger. Des Weiteren das Grand Duo von Weber mit Gerald Moore, dem legendären englischen Liedbegleiter; Schubert, Der Hirt auf dem Felsen - Louis Spohr, 6 deutsche Lieder - Mozarts Konzert von 1958

Auf YouTube ist derzeit eine Zunahme von Aufnahmen mit ihm zu verzeichnen.

Geuser sagte zu mir. als er mich am Gartentor seines Hauses in Lankwitz/ Berlin verabschiedete nach Übergabe des Betrages für die Klarinetten: "Die Aufnahmen habe ich nicht des Geldes wegen gemacht, sondern um der Nachwelt zu erhalten, wie man deutsche Klarinette bläst." Der Tonfall seiner Worte war dezent aber ich spürte die unausgesprochene Botschaft: Ich bin das "Alfa- Tier".

Unabhängig davon: Die Individualität des Klarinettenklangs entspricht wahrlich einer Gesangsstimme - unwiederholbar.

Wenn heute jemand sagt man solle Geuser auch nicht überschätzen, so möchte ich mit einem Zitat aus der Violinschule von Carl Flesch antworten: Die Virtuosen können untereinander das Vibrato des anderen nicht ertragen.

Empfehlenswert zu bedenken scheint mir auch: Geuser wurde mit 20ig Jahren Solo-Klarinettist an der Oper unter den Linden, nachdem er Rodolf Gall in der Endrunde übertraf. Dieser wurde dann Solist des Concertgebouw Amsterdam unter Willem Mengelberg.

Geuser sagte mir über die erste Zeit an der Oper: Man fuhr voller Beklemmungen mit der Straßenbahn in die Oper und verließ sie total begeistert.

In anderen Worten: Die Oper selbst charismatisch, der Dirigent eine namhafte Größe und die Gesangssolisten Internationale Stars.

Dass der junge ehrgeizige Klarinettist, sozusagen berauscht von den einmaligen Gesangsstimmen die er gerade begleitet hatte, das starke Bedürfnis empfand, genauso unverwechselbar auf der Klarinette zu klingen, konnte ich dem über 80ig Jährigen noch anmerken.

Geuser hatte bei aller Beredsamkeit auch eine ausgeprägte Seite des Verschweigens. Dazu gehört, dass er mir gegenüber nicht ein kritisches Wort über Oehler sagte, de facto aber durch das ausschließliche Spielen von Kolbe-Klarinetten und Mundstücken Oehler im Ende ablehnte, sich offensichtlich behindert fühlte in der Entfaltung seiner künstlerischen Persönlichkeit.

Mein erster persönlicher Eindruck von Kolbe, Altenburg war die A- Klarinette. Unvergesslich ist mir das Gefühl des freien Fließens des Atemstroms: das lange h’ so frei wie das leere g' - also wie in einen Raum treten, der die Sommerluft des Gartens durch die offenen Fenster und Türen ungehindert zirkulieren lässt. Das war ein völliger Gegensatz zu meinen Übel- Klarinetten aus den 60iger Jahren. Hinzu kam das geradezu Gewichtslos- Sein und das tiefe e, das wie von einem Bassethorn zu sein schien. Ich war sage und schreibe sprachlos vor Begeisterung. Geuser sagte nur; Ja, ja er hat's gleich gemerkt.

Die Sängerin Erna Berger sagte: Wenn Geuser den Anfang im „Hirt auf dem Felsen“ blies, wusste man gar nicht wie man singen sollte.

Wie eine Paraphrase hierzu:

Bei einem Rezital in Berlin 1964 kam die Sonate "Vor den Spiegeln" (Geuser gewidmet) mit der Komponistin Grete von Zieritz am Flügel (Kammerton a'= 440) zur Aufführung. Ich war überzeugt, dass Geuser eine A- Klarinette spielte und unterließ es daher, mich durch Fragen zu vergewissern. Wie erstaunt war ich, als ich in den Noten las Klarinette in B.

Die Bauweise der Louis Kolbe. Altenburg Klarinette im Vergleich zur letzten. Entwicklung der Oehler- Klarinette nach augenfälligen Gesichtspunkten:

Das OBERSTÜCK: bei Kolbe deutlich länger als bei Oehler - das

UNTERSTÜCK bei Oehler Iänger als bei Kolbe

Der Übergang in den Becher: die konische Erweiterung im Unterstück ist bei Kolbe länger und größer und begünstigt die Ansprache im 3. Register.

Der BECHER hat mehr Volumen als bei Oehler und ist dünnwandiger.

Kolbe- Klarinetten haben eine dünne Lackversiegelung der Bohrung, deren Zusammensetzung, ähnlich dem Geigenbau in Cremona, Herstellergeheimnis blieb.

Kolbe verwendete auch das weitporigere sogenannte Königsgrenadill, öfter bei A- als bei B- Klarinetten.

Bei Kolbe, Oehler, Mollenhauer und anderen sind in den 20iger- und 30iger Jahren die Schächte der offenen Tonlöcher aus dem Korpus gedrechselt. Zusammen mit dem tiefen Kammerton fördert das die Sonorität.

Die 15,1 mm Bohrung, natürlich mit individuellen Modifizierungen, war allgemein üblich.

Kolbe baute ohne Deckelmechanik; die tief fis /cis "- Mechanik für den linken kleinen Finger ist bei Kolbe nicht abstellbar.

Hier noch als Anhang die Geschichte eines Klarinetten- Raubes:

In den 70iger Jahren wurden Geuser während einer Ferienreise alle 5 Sätze Kolbe, Altenburg (also 5 in A und 5 in B) aus dem Haus in Lankwitz gestohlen. Diese sind bis heute verschollen. Eine besondere Charakteristik der originalen Geuser- Kolbe ist die stärker gearbeitete Mechanik als gewöhnlich; Kolbe berücksichtige stets den Handbau.

Geuser sagte mir dazu in Bayreuth, nachdem er tief getroffen Berlin verlassen hatte: Meine Kolbe- Mundstücke fand man nicht. Ich hatte sie hinter den Heizungsrohren versteckt.

Ich bitte diese Information als Aufruf zu verstehen: Wer auch immer zum Wiederauftauchen dieser so wertvollen Instrumente beitragen kann, möge dies nicht verweigern. Sofern die Instrumente noch in Deutschland sein sollten, ist ja eine juristische Spätfolge wegen Verjährung nicht zu befürchten. Ich nehme mir die Freiheit in den Raum zu stellen: Die Klarinetten könnten in Japan sein. Warum? Ebenfalls in den 70iger Jahren bekam Herbert Wurlitzer ein unerhört komfortables Angebot aus Japan zur Ausbildung der dortigen Klarinettenbauer. Er sagte mir dazu; Ich werde mir doch dort nicht meine eigene Konkurrenz heranzüchten.

Die Schmidt- Kolbe- Klarinette und der Klarinetten- Sängers Rudolf Gall:

Rudolf Gall war Soloklarinettist des Concertgebouw in Amsterdam unter Willem Mengelberg und machte dieses Klarinettensystem wahrlich berühmt.

TONDOKUMENTE: Den ersten Eindruck der Klangpoesie von Gall verdanke ich dem Bayerischen Rundfunk, der in den 50iger Jahren eine Produktion des Klarinetten- Quintetts von Johannes Brahms ausstrahlte. Der Eindruck des Adagios vor allem machte auf mich als 16jaehrigem (der sich auch schon daran versuchte) einen wahrhaft gewaltigen Eindruck. Dieses Elektririsiert- Sein erlebte ich viel später noch einmal beim Hören einer CD mit den Sinfonien Nr. 4 und 6 von Beethoven, in denen der junge Solist 1948 live unter Mengelberg in Amsterdam die Soli interpretiert, die bis heute nicht ihres gleichen gefunden haben.

Es ist mir sozusagen ein Hunger geblieben nach mehr aus seinen jungen Jahren.

Während des Studiums erwähnte Geuser mehrmals die Geschichte mit dem „Einspringen Hals über Kopf“ für den indisponierten früheren Mitbewerber, anlässlich einer repräsentativen Aufführung in München des "Hirt auf dem Felsen". Der Klang seiner Worte verriet mehr als er wahrscheinlich sagen wollte an die Studentenrunde. Zu "greifen" war die Autohypnose des Hochseilakrobaten. Und doch konnte ich in seinen Augen lesen: Er bewunderte heimlich den Klangpoeten Gall, dessen Tiefe der Empfindungsfähigkeit ihn sehr irritierte wegen der Unberechenbarkeit.

Die Erinnerung an den phänomenalen Klarinetten- Sänger Gall, war in den 70iger Jahren in den Niederlanden noch so lebendig, dass zu seinem Andenken das Schmidt- Kolbe- System noch in Gebrauch war. Hier beziehe ich mich auf meine Eindrücke bei einem Meisterkurs mit Jaques Lanzelot für die Debussy- Rhapsodie in der Eduard van Beinum Stiftung, Breukelen bei Amsterdam.

Die Aufnahme des Mozart- Konzertes mit Bram de Wilde, Eduard van Beinum und Concertgebouw in den 70iger Jahren ist möglicherweise das letzte repräsentative Tondokument zur Gall- Tradition.

Zur BAUWEISE der Schmidt- Kolbe Klarinette:

Der Klarinettist Schmidt in Mannheim entwickelte sein deutsches System in Zusammenarbeit mit einem Wissenschaftler der Akustik. Er verstand seine Klarinette als praktische Kritik an Oehler. Er monierte: Das Tonloch für b' GLEICHZEITIG zum Überblasen zu benutzen, widerspreche den akustischen Gesetzen. Die Objektivität dieser Feststellung ist unbestreitbar.

Seine Klarinette hat daher ein höher liegendes engeres Tonloch für das Überblasen. Durch eine Mechanik öffnet oder schließt sich automatisch die b - Hülse oder die Überblashülse.

Diese Klarinette hat als einzige deutsche aus der Zeit zwischen den Kriegen daher ein leicht ansprechendes, einwandfrei intonierendes 3. Register bei allen Griffvarianten. Das Trennen der Tonlöcher für b' und zum Überblasen erlaubt auch einen engen Konus am Übergang in den Becher zum Vorteil des tiefen e und f, ohne nachteilige Folgen für das hohe Register.

Vom französischen System übernommen ist der h / fis" - Griff für den rechten Mittelfinger, sowie dessen Variante b / f" mit dem rechten Zeigefinger und der Klappe für den rechten Ringfinger.

Diese Bauweise hat auch eine Resonanz- Mechanik für das Gabel- f mit dem linken Mittelfinger.

Serienmäßig auch eine Mechanik für den rein klingenden h /cis' und fis" /gis" - Triller (die sogenannte geteilte cis' / gis" Klappe)

Die meisten noch erhaltenen Schmidt- Kolbe Klarinetten sind in Wirklichkeit Schmidt - Fritz Wurlitzer Klarinetten. Nach dem Scheitern des ursprünglichen Duos, ersetzte er Kolbe und erntete viel Lob für die meisterhaft gefertigte kniffelige Mechanik.

Schmidt-Kolbe

Schmidt-Kolbe Klarinette von Fritz Wurlitzer

Die Mundstücke haben, wie bei der französischen Klarinette, eine zylindrische Bohrung, bis zu 5,7 mm. Bei allen anderen deutschen Bauweisen bis heute ist die Bohrung zylindrisch, am Zapfen höchstens 5,4 mm.

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