Ausklang:

Bleibt die Frage ob die Wiederbelebung der Klarinettenkultur zwischen den Kriegen auf originalen Instrumenten möglich ist.

Zu Ende der 40iger- und in den 50iger Jahren entstand in Westdeutschland eine unverabredete gesellschaftliche Übereinkunft, eine Initialzündung zur Verarbeitung der desaströsen Erinnerungen bei Opfern, sogenannten "Mitlaufern" aller Schattierungen und abgetauchten Tätern et cetera: Wir stürzen uns in den Wiederaufbau. Man kann auch sagen: Die Überlebenden favorisierten eine Vergessenskultur, die zusätzliche Nahrung erhielt durch den Marshall- Plan der Vereinigten Staaten.

Die neuen Politiker "witterten Morgenluft" und setzten sich mit der Erfindung des Schlagwortes "Wirtschaftswunder" an die Spitze.

In der Musikszene formierte sich als "I - Tüpfelchen" des Wunders zu Beginn der 60iger Jahre die magische Symbiose "Karajan und die Berliner Philharmoniker. “Man fieberte (ich eingeschlossen) jeder neuen Grammophon- Platte mit einer weiteren Beethoven Sinfonie, zum Beispiel, entgegen.

Was war nun das Neue dieser Interpretation gegenüber Furtwängler? Es war vor allem der brillantere Orchesterklang durch das Anheben des Kammertons a'= 440 auf 443 / 444.


Dem Zeitgeist und dem Vorbild Arthur Nikisch folgend (wie bereits geschildert), wählte Karajan eine zusätzliche technische Strategie des Vergessenmachen -Wollens, da er sich ja nicht sicher sein konnte ob er Furtwängler allein auf interpretatorischem Wege überflügeln könne.

Geuser sagte mir: Der jüngere Karajan zwischen den Kriegen bekannte: Die Interpretation der Schubert'schen Unvollendeten von Furtwängler traumatisiere ihn derart, dass er nicht den Mut habe, diese zu dirigieren.

Zurückkehrend zur Klarinette:

Das Vorbild in Westberlin erzeugte eine Kettenreaktion, die alle Orchester im Westen erfasste.

Die bis dahin in der Regel ehrenvoll behandelten Klarinetten, wurden im Orchesteralltag zum Hindernis durch die tiefe Stimmung; sie wurden ihrer kulturellen Aura beraubt.

Die nun schon älteren Bläser, in den Spitzenorchestern oft an die 2. Position gerückten ehemaligen Solisten, führten sozusagen reihenweise ihre Oehler-, Uebel - Kolbe - Klarinetten et cetera zur "Schiachtbank" und ließen die Birnen abdrehen, obwohl sie um die unumkehrbare Klang- Verstümmelung wussten.

Die Birne, dieser kleine auswechselbare Teil der Klarinette zur Feinregulierung der Stimmung, ist ein akustisch hochsensibler-Bestandteil der Klarinette, da so nahe am Mundstück. Eine neue Birne in originaler Länge stabilisiert zwar in der Regel die Intonation, bietet aber keine Chance zum Wiedergewinnen des einstmaligen Klanges. So erstaunlich es ist, der so geringe Prozentsatz an neuem Holz wird vom sonst originalen Instrument entschieden zurückgewiesen.

Ein Klarinettenbauer im Musikwinkel sagte mir: Bei einem Nachbau sollte die frühere Fertigungstechnik angewendet werden für die Bohrung. Ich fügte hinzu: und der Mond muss zunehmend sein. Wir haben uns heiter gestimmt voneinander verabschiedet.

Um Kommentare zu schreiben bitte registrieren/einloggen

sitemap | Impressum | Datenschutz
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok