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Der Klarinettist und spätere Klarinettenbauer Oskar Oehler:

Oskar Oehler

Oskar Oehler in seiner Werkstatt

Der aus dem Vogtland stammende Oskar Oehler war in jungen Jahren Soloklarinettist in verschiedenen Orchestern; zum Beispiel an der Oper im mondänen Nizza, Cote d'Azur. Später dann war er Gründungsmitglied der Berliner Philharmoniker.

In der aktivsten Phase Oehlers als Orchestermusiker war die Baermann- Ottensteiner die meistgespielte deutsche Bauweise. Während dieser Zeit war der transparente Klang des etwa 50ig Musiker umfassenden Hoforchesters in Meiningen unter Hans von Bülow der Inbegriff an Qualität. (Max Reger sehnte sich danach dieses Orchester zu dirigieren. Johannes Brahms hörte hier erstmals die Soli in seinen Sinfonien von Richard MühIfeId gespielt, für den er später seine Klarinetten- Kammermusik schrieb.)

Es ist nicht überliefert aber vieles spricht dafür, dass Oehler bei der denkwürdigen Erstaufführung des Klarinetten- Quintettes vor großem Publikum in Berlin mit Mühlfeld und dem Joachim- Quartett anwesend war. Leider habe ich bei meinen beiden Besuchen bei Heinrich Geuser in Bayreuth nicht daran gedacht, ihn zu fragen, ob er sich an den Äußerungen Oehlers erinnern könne zu Mühlfelds Interpretation. Aus einer englischen Besprechung einer Aufführung in London konnte ich entnehmen; MühIfeId blies mit sprühender Intensität stellenweise mit Vibrato (er begann ja die Musikerlaufbahn als Geiger).

Um die Jahrhundertwende erschien ein Aufsehen erregender neuer Stern am "Dirigentenhimmel"-Arthur Nikisch. Der später als legendär gefeierte neue Mann am Dirigentenpult der Berliner Philharmoniker verdankte diesen Ruf vor allem der Gegensatzbildung zu Hans von Bülow durch die drastische Vergrößerung des Streichkörpers. Der neuartige Orchesterklang war voluminös durch nunmehr mindestens 80ig Musiker auf der Bühne. Daraus ergaben sich auch Konsequenzen für die Bläsersoli, die in dem nun auch größeren Konzertsaal mit intensiverer Projektion vorzutragen waren.

Dem erfahrenen Klarinettisten Oehler schlug sozusagen die Stunde, er hatte sein Thema als Klarinettenbauer gefunden; Klang- Optimierung.

In der Anfangsphase wählte er die Befragung als Strategie. Er suchte in München Carl Baermann auf, den Sohn des Inspirators und Solisten der Weber- Kompositionen. Der Gleiche Beweggrund führte ihn auch mehrfach nach Kassel. Dort leitete seit Jahren der in ganz Europa berühmte Violin-Rivale Paganinis mit dem "großen Ton" und Komponist Louis Spohr die Oper.

Die für Hermstedt komponierten 4 Konzerte machten ihn zum ausgezeichneten Kenner der Klarinette. Für das Orchester engagierte er die Besten seiner Zeit. Kassel war sozusagen die Hochburg der Klarinettenkultur. Der Klarinettist Neef war geschätzt für die Fertigung von Mundstückbahnen. Seine "Schienen" werden heute noch bei Mollenhauer aufbewahrt. Neef war in der Anfangszeit Oehlers wichtigster Berater.

Ein entscheidender Einwand Oehlers gegen die Baermann- Ottensteiner betraf das Mundstück. Er war überzeugt, dass ein größeres Volumen der Bohrung und der Kammer im Schnabelbereich den Klang freier und tragfähiger machen würde. Das erwies sich als zutreffend. Zu Lebzeiten Oehlers war die Oper "Der Freischütz" von CM. v. Weber immer noch ein besonderes Aufführungsereignis. Die tiefen, schwarzen Töne der beiden Klarinetten in der Wolfsschluchtszene hatten "Gänsehautmagie" beim Publikum.

Richard Wagner, der von sich sagte, dass Weber ihm den Weg gewiesen habe, nutzte die Ausdruckskraft tiefer Klarinettentöne unter anderem im "Pilgerchor." Der Anfang der 5. Sinfonie von Tschaikovsky ist ein ganz besonderes Beispiel. So ist es nur zu verständlich, dass Oehler die Klangfarbe der tiefen Töne besonders am Herzen lag, gefolgt von der Sopranlage des 2. Registers. Zur technischen Übersetzung der Idee verringerte er im Unterstück die bis dahin übliche Länge und Größe der konischen Erweiterung der Bohrung am Übergang in den Schallbecher. Er wusste natürlich, dass dadurch im hohen Register der Widerstand und in der Folge die Helligkeit des Klangs zunimmt, insbesondere im Tonraum gis’’’ bis C’’’’

Da zu seiner Zeit das "gängige" Repertoire der Sinfonie- und Opernorchester von den Klarinettisten diese fünf Halbtöne selten forderte, da ja Domäne der Querflöten, nahm er das in Kauf. Oehler attestierte Kautschuk- Mundstücken Bahnstabilität, zog aber das lebendige Holz des Klanges wegen vor.

Eine Neuerung durch Oehler ist der Abschied vom Buchsbaumholz der Baermann- Ottensteiner Ära zu Gunsten des Klanges und der größeren Rissfestigkeit des exotischen Grenadill aus den Bergregionen von Mozambique in Afrika.

Überliefert ist es nicht, aber es liegt nahe, dass er über das Holzkontor für Grenadill auch auf das kubanische Cocosholz aufmerksam wurde. Die Klangqualität der Mundstücke aus diesem Holz stellte alles Bisherige in den Schatten; das "Traummundstück" eines Jeden Klarinettisten war geboren, der Ruf Oehlers deutlich gestiegen, man "riss" sich um ihn. Die magische Aura dieser Mundstücke ist heute noch lebendig.

Ohne Zweifel ist Oehler entscheidend für das recht plötzliche Erblühen einer begeisternden Klangpoesie der Klarinette. Auf Tonträgern erhaltene Dokumente des typischen Oehler- Klanges: Alfred Bürckner, Berliner Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler Franz Schubert, Oktett Simon Bellison, New York Philharmonie unter Bruno Walter - Brahms, Mahler Luigo Amodio, Italien Mozart-Quintett und Beethoven - Trio op. 11 "Gassenhauer"

Ein Dresdener Musikliebhaber zeigte mir die Besprechung zu einer Aufführung des Reger-Quintetts mit dem Strub- Quartett, die Amodios Klang in den Rang eine "Engelstimme" erhob. Bemerkungen zur Bauweise , basierend auf dem Oehler- Satz von Alfred Bürckner. dessen Besitzer ich für einige Jahre war.

Diese Instrumente - natürlich mit Deckelmechanik - die die beiden b /f’- Griffe zu Klappengriffen macht, gespielt mit einem Cocosmundstück mit authentischer erster Bahn, sind ein erstaunliches Spiegelbild der Persönlichkeit Oehlers. Es zeigt sich eine patriarchalische Aura. Bis ins Detail hat er eine klangliche "Leitlinie" eingebaut, das Mundstück eingeschlossen. Dieses darf nur sehr wenig in den Mund genommen werden, damit der Ansatz auf die Blattspitze zentriert bleibt. Die authentische erste Bahn hat in der Auflage einen leichten Hohlschliff über die Länge, die Mulde ist flach. Die Bahnkurve ist vorwiegend eng; erst im Bereich der Spitze kippt die Kurve und erzeugt eine starke Öffnung.

Ich hatte das Glück, ein ungespieltes Cocos in auffallend rötlicher Tönung vom Enkel eines ehemaligen Lehrlings von Oehler zu bekommen. Dieses hat die beschriebene Bahn. Der Korpus hatte lediglich eine Vorbohrung in der Stärke eines Bleistifts zum Befestigen auf einem Dorn. Der am Zapfen befindliche durchgehende Riss verursachte die Aussortierung. Der Lehrling holte es aus dem Abfall und nahm es an sich.

Geuser erzählte mir über Oehler: Er duzte jeden. Wer eine Klarinette von ihm haben wollte, dem sagte er: "So, du willst eine Klarinette von mir. Na, dann blas mal DAS" und deutete auf ein Notenblatt an der Wand mit Orchesterstellen. Wenn im das Gehörte nicht gefiel, dann sagte er: "Komm' im nächsten Jahr wieder".

Oehler als Idol zeitgenössischer Klarinettenbauer zwischen den Kriegen:

Oehler Klarinette

Oskar Oehler Klarinettensatz

An erster Stelle stehen dessen Landsleute im Vogtland insbesondere die Manufaktur Friedrich Arthur Uebel, die bis nach Russland Berühmtheit erlangte. Hierfür entscheidend war Rimsky Korsakov als Generalinspekteur der Konservatorien und der Militärorchester.

Der polnische Klarinettenbauer Warschewsky entwickelte durch modifizieren der Bohrung der Uebel- Klarinetten eine besondere klangliche Handschrift, die in ihrer Individualität Oehler gleichzukommen versuchte.

Im Sinne der Einmaligkeit nehmen die Uebel- Max Schnabel - Klarinetten der Manufaktur in Markneukirchen ebenfalls einen besonderen Platz ein. Noch heute wird im Musikwinkel, die durch seinen Tod entstandene Lücke betrauert.

Außerhalb des Musikwinkels (dazu mehr in einem anderen Abschnitt) erlangte vor allem Gustav Mollenhauer, Kassel in den 20iger und 30iger Jahren Internationale Bekanntheit, die Vereinigten Staaten zum Beispiel. Nach 10-jährigem Aufenthalt in London - dort französische Klarinetten mitbauend - gründete er seine Manufaktur, die im zweiten Weltkrieg bis auf die Grundmauern abbrannte. Als der sogenannte "billigere Oehler" baute er für kleinere Kulturorchester und Militärorchester.

Im norddeutschen Raum wurde Richard Müller, Bremen sehr geschätzt.

In die Betrachtungen zum deutschen Klarinettenbau vor dem ersten Weltkrieg und zwischen den Kriegen sind natürlich auch die Anforderungen in den Solowerken für Klarinette und im Sinfonie- und Opernorchester zu bedenken.

Der "eiserne Bestand": MOZART, Konzert K.V. 622 - Quintett K.V. 581 - BEETHOVEN, 9 Sinfonien - Fidelio - Septett - Gassenhauer- Trio op.11 - SCHUBERT, Die Unvollendete - Oktett - Der Hirt auf dem Felsen - BRAHMS, 4 Sinfonien - 4 Kammermusikwerke - WAGNER, Die Opern

Der "Paukenschlag": RICHARD STRAUSS, Sinfonische Dichtungen und Opern

Die Sprunghaft höheren Anforderungen seiner Partituren traf die Klarinettisten unerwartet. Richard Strauss zog den Klang der hohen Lage der Klarinette dem der Flöte vor. Es galt nun die Klarinette ausspielen zu können bis zum c"" in

Kantilenen und Figurationen in allen Tonarten; zum Beispiel die Opern Guntram und Salome.

Geuser erzählte mir: Wenn Richard Strauss in der Oper unter den Linden dirigierte, bedankte er sich stets für die Stelle mit dem c"" das über mehrere Takte vom pp bis ff zu crescendieren ist, um dann in einem Arpeggio con brio auf das tiefe e hinab zu stürzen.

Wenn Strauss zum ersten Mal in ein Opernhaus kam zum Dirigieren, sagte er oft in der ersten Probe zu den angespannten Musikern: "Meine Herr'n spieln's net gar zu akkurat".

Die Strauss- Opern insbesondere bewirkten auf der Höhe des Ruhmes von Oehler ein atmosphärisches Zusammengehen von Klarinettisten und zu Oehler auf Distanz gehenden Klarinettenbauern. Das schrankenlose Einbeziehen der hohen Lage durch Strauss markiert den Beginn einer neuen Phase im Klarinettenbau; Klang, Intonation und Spielbarkeit bekommen einen neuen Akzent, der nicht zu den klarinettistischen Erfahrungen Oehlers gehörte aus Altersgründen.

Die von Louis Spohr komponierten 4 Konzerte für den Klarinettisten Hermstedt in der Frühromantik, in denen der Solist öfter bis zum b'" und h'" - in Nr.2 dreimal bis zum c"" sich aufschwingen muss in Akkorden und Tonleitern, waren nach Helmstedts Tod aus der Mode gekommen; galten als exklusive Werke für einen bestimmten Solisten, der außer Heinrich Baermann keinen Rivalen hatte.

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